Objekt des Monats

September 2022

Gotischer Wohnturm
13. Jahrhundert
Stein, Holz, Eisen, Ton

(Hafenmarkt 7, 73728 Esslingen)

Gelb angestrichener Turm mit Erker, umgeben von zwei Wohnhäusern

Der massive Wohnturm wurde um 1269 errichtet und bildet somit den ältesten Teil des Gelben Hauses am Hafenmarkt, in dem sich heute das Stadtmuseum befindet. Er ist der letzte noch vollständig erhaltene Geschlechterturm in Esslingen. Mit seiner beinahe 800jährigen Geschichte und vier Geschossen ist er das größte „Ausstellungsstück“ des Stadtmuseums.
Wirtschaftlicher Aufschwung und Bevölkerungswachstum führten im 13. Jahrhundert zu einer erhöhten Bautätigkeit in Esslingen. Die Mehrheit der Wohnhäuser in dieser Zeit waren Fachwerkbauten, doch dürfte es außer dem steinernen Wohnturm am Hafenmarkt noch zahlreiche vergleichbare Turmhäuser in Esslingen gegeben haben. Von ihnen sind heute nur noch wenige Reste wie etwa Spuren in Kellern nachweisbar (z.B. in der Landolinsgasse 16). Alle heute bekannten Wohntürme befanden sich nicht im Bereich der Stadtmauer, sind also nicht als Teil der Befestigungsanlage bzw. Wehrtürme zu verstehen. Durch ihre massive Bauweise – das Mauerwerk am Fuße unseres Turms ist bis zu 1,60m stark – hatten sie jedoch einen „passiven Wehrcharakter“, d.h. bei Bedarf konnte man sich darin verschanzen und verteidigen.
Als der Turm am Hafenmarkt im 13. Jahrhundert errichtet wurde, war er von Osten her über zwei Türen im Keller und im Erdgeschoss zugänglich. Die Obergeschosse waren innerhalb des Turmes über schmale Stiegen miteinander verbunden. Das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss sind bis heute jeweils mit einer Holzdecke versehen, während das zweite Obergeschoss von einem Tonnengewölbe überspannt wird. Die hölzernen Balken der Erdgeschossdecke konnten mithilfe der Jahrringe auf die Zeit zwischen 1259 und 1269 datiert werden. Spätestens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde an der Ostseite ein Fachwerkbau mit massivem Erdgeschoss an den Turm angebaut, worauf der Kellerabgang mit zwei Wappenfeldern hinweist. Dieser Anbau fiel dem Brand von 1654 zum Opfer und wurde anschließend neu errichtet, bis er 1701 wiederum abbrannte.
Noch heute sind an der Westseite die frühgotischen, zweiteiligen Fensteröffnungen vorhanden. Auch an der Südseite konnten 1977–1979 bei der Sanierung vergleichbare Fensteröffnungen nachgewiesen werden. Im Inneren befinden sich an der Westseite hinter den Fenstern Sitznischen, so genannte Estraden. Sie sind jeweils von einem Rundbogen überspannt; links und rechts laden Bänke zum Sitzen ein. Eiserne Scharnierhaken und Riegellöcher belegen, dass ursprünglich alle Fenster mit Klappläden verschlossen oder – wie im Falle des Erdgeschosses – mithilfe von Querbalken sogar verbarrikadiert werden konnten. Im zweiten Obergeschoss befindet sich in die Wand eingelassen ein Tresor mit eisenbeschlagener Tür.
Der Erker im ersten Obergeschoss wurde erst in der Renaissancezeit ergänzt. Er ist nicht aus Stein, sondern als Fachwerk gearbeitet. Nur die so genannte Kragplatte, die den Boden des Erkers bildet, sowie die drei Stützen unterhalb der Platte sind aus Sandstein gefertigt. Bei der Renovierung 1979 ersetzte man die fein gearbeitete Schieferdeckung des Dachs.
Die östliche Außenwand des Turms weist starke Brandschäden auf: Der Stein ist rötlich bis schwarz verfärbt und die Oberfläche zeigt zahleiche Abplatzungen. Die Spuren zeugen von den verheerenden Bränden 1654 und 1701, denen der steinerne Turm widerstand. Im Ratsprotokoll vom November 1701 heißt es, der Turm „schölt sich überall ab und dörfte nechtens gar einfallen.“ 1702 entstand der nördliche, repräsentative Anbau; der bereits erwähnte östliche Anbau wurde ab 1739 erneut errichtet und zog sich nun bis zur Südseite vor den Turm. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Steinturm über den Anbau und nicht mehr über Stiegen im Inneren begehbar. Seine barocke Farbfassung wurde bei der Renovierung 1979 wiederhergestellt: Gelb mit aufgemalter Eckquaderung und aufgemaltem Schlussstein.