Objekt des Monats

Juli 2021

Ansicht von der Maille zur Inneren Brücke mit Rossneckar und Amtsgericht
Öl auf Leinwand
Unbekannter Künstler, um 1850

Gemälde mit Ansicht der Maille und des Roßneckars mit dem Amtsgericht. Im Hintergrund die Innere Brücke und die Türme der Stadtkirche. Fotografie: Michael Saile

Im Juni 2021 konnte der Geschichts- und Altertumsverein Esslingen eine Vedute erwerben, die nun die Sammlung historischer Stadtansichten der Städtischen Museen Esslingen bereichert und ergänzt. Bei einer Vedute handelt es sich um die wirklichkeitsgetreue Ansicht einer Landschaft oder Stadt. Der Begriff leidet sich vom italienischen „veduta“ ab.

Das Gemälde zeigt eine der bekanntesten Ansichten Esslingens: Gerahmt von Linden und Kastanien auf der linken und vom Amtsgericht auf der rechten Bildseite, leitet der Rossneckar den Blick des Betrachters zur Inneren Brücke mit ihren charakteristischen Brückenhäusern. Über die Dachfirste ragen im Hintergrund die markanten Türme von St. Dionys sowie der Frauenkirche. Als Staffage sind Spaziergänger und eine kleine Bootsgesellschaft eingefügt, die die  Szene beleben.

Die Maille ist bis heute die zentrale Grünfläche im Herzen Esslingens. Als Naherholungsgebiet erfreut sie sich großer Beliebtheit. Die 1596 als „baumbestandender Wasen“ erstmals erwähnte Anlage liegt auf einer vom Wehr- und Rossneckar umflossenen Insel zwischen der Pliensauvorstadt und der Innenstadt. Über Jahrhunderte diente die Fläche als Stadtanger, der von den Bürgern gemeinsam genutzt wurde. Vermutet wird allerdings,  dass sie auch schon sehr lange als Vergnügungsort diente. Ein erster Plan mit einem Wegenetz und einer Allee stammt von 1739. Eine Bepflanzung mit Kastanien, Linden und Nussbäumen ist für 1751/52 erstmals nachgewiesen. Der Name „Maille“ wird mit einem Ballspiel in Verbindung gebracht,  das im 16. und 17. Jahrhundert beliebt war. Ob in Esslingen tatsächlich jemals Paille Maille - ein Vorläufer des auch heute noch geläufigen Krocket  -  gespielt wurde, ist nicht nachweisbar. Gesichert ist, dass die Maille im 19. Jahrhundert für Sängerfeste und später auch für Turnerfeste genutzt wurde.

Das Ölgemälde hat auffällige Gemeinsamkeiten mit einer Zeichnung, die Josef Nagel „nach der Natur“, also basierend auf eigener, direkt vor Ort gewonnener Anschauung geschaffen hat, und die als lithografischer Druck überliefert ist. A. Kappis hat die Zeichnung auf Stein übertragen, G. Küster hat den Druck besorgt. Das Blatt wurde von dem Esslinger Verleger Weychand veröffentlicht. Es zeigt genau das gleiche Motiv und war sowohl als koloriertes als auch als nicht koloriertes Blatt zu haben.

Mit dem Aufkommen graphischer Drucktechniken wurden auch Reproduktionen gemalter Motive möglich. Während Gemälde in der Regel teure Unikate waren, konnten Druckgraphiken in größerer Auflage hergestellt werden. Damit wurden exklusive, von Künstlerhand geschaffene Bildmotive für breitere Käuferschichten erschwinglich. So fanden auch viele ursprünglich gemalte oder gezeichnete Stadtansichten weitere Verbreitung.

Vermutlich hat der namentlich nicht bekannte Schöpfer des Gemäldes die Nagelsche Ansicht gekannt. Neben den Gemeinsamkeiten fallen aber auch Unterschiede ins Auge: So sind dem Künstler die Türme von St. Dionys zu lang geraten. Die Etagen des Glockenturms mit den charakteristischen Schallarkaden sind zu hoch, ihre Proportionen weichen von der Wirklichkeit ab. Gleiches gilt auch für das Amtsgerichtsgebäude, dessen Obergeschoß im Vergleich zur Wirklichkeit und zur Graphik etwas zu hoch geraten ist.

Die besonderen Qualitäten der Vedute liegen weniger in der technischen Genauigkeit der Abbildung.  Das fein gearbeitete Gemälde legt vielmehr einen besonderen Akzent auf die Wirkung von Licht und Farbe. Dem Betrachter bietet sich ein durchaus glaubwürdiges Bild, wie es auf der Esslinger Maille an einem sommerlichen Sonntagnachmittag um die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben mag.